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Dein Bonsai und der goldene Schnitt

Beim "goldenen Schnitt" handelt es sich nicht um eine besonders clevere Art, eure Bäumchen zu beschneiden, sondern es steckt ein ästhetisches Konzept dahinter. Die Geschichte des goldenen Schnitts führt bis auf das zweite Buch des Euklid zurück, der schon 300 v. Chr. dieses besonders harmonische Teilungsverhältnis beschrieb. Die ollen Griechen wandten es vielfach an, immer auf der Suche nach einem Schönheitsideal. Bekannt war es wohl schon seit etwa 700 v. Chr. Im Detail ist die Mathematik des goldenen Schnitts lediglich Schulmathematik, jedoch mit vielen Details in der Anwendung. Er wird auch heute überall genutzt, in der Architektur, in der Kunst und bei Gebrauchsgegenständen.

Hier widerstehe ich meiner mathematischen Begeisterung und verzichte auf Fibonacci-Reihen, selbstähnliche Strukturen und irrationale Zahlen ... all' das ist vielfach im Web, auch auf Wikipedia gut beschrieben, echt interessant und vielgestaltig.

Das Ganze ist ein Konzept, das man wunderbar praktisch anwenden kann, denn es erlaubt schöne, ausgewogene Gestaltungen. Mutter Natur benutzt es überall. So ist der "goldene Winkel" von 137,5° in der Natur an vielen Stellen zu finden, z.B. bei Blütenständen. Denn dieser besondere Winkel erlaubt der Pflanze, das Sonnenlicht optimal zu nutzen, indem sie die Blütenblätter derart überlappend anordnet.

Goldener Schnitt - mal ganz praktisch

Zum Beispiel: Eine Anwendung besteht darin, das Größenverhältnis des Baumes zu seiner Schale zu finden. Wenn der Baum eine Höhe von 100% hat, dann ist die Bedingung des goldenen Schnitts erfüllt, wenn die Schale einen Durchmesser von 62% hat. 

Das Prinzip ist einfach: Wenn wir eine Strecke von 100% aufteilen, so dass zwei Teilstücke entstehen, dann sollten die Teilstücke ca. 62% und ca. 38% lang sein, bezogen auf die Gesamtstrecke. Wenn man danach die längere Strecke wieder teilt, kann man erneut den goldenen Schnitt anwenden.

Ist der Baum 50 cm hoch, so hat die ideale Schale einen Durchmesser von ca. 30 cm.

Interessant wird es, wenn man eine konkrete Pflanze betrachtet. Lässt sich die Regel des goldenen Schnitts darauf konkret anwenden - und was kommt dabei heraus?

So viel schon hier: "Gestaltung mit dem Bandmaß" bringt nichts. Das ist und bleibt Theorie. Und natürlich gibt es unter den Fachleuten auch jede Menge Diskussionen, wann, wie und worauf eine solche Regel angewandt werden soll. 

Wir haben hier eine Schneebeere, vulgo "Knallerbsenstrauch" (Symphoricarpos albus), die vor Jahren mal Teil eines Blumenstraußes war, in einer Vase Wurzeln gezogen hat - und ich konnte nicht widerstehen, mit dem armen Kerl herum zu experimentieren. Damals nach dem Motto: Keine seltene oder besonders "wertvolle" Pflanze. Mal schauen, was man damit machen kann ... und ja, man hat ab und zu gerne ein Material für Experimente.

Und so sieht sie heute aus, ca. 15 Jahre später. Sie ist knapp 50 cm hoch, die Schale hat 26 cm Durchmesser. Für einen goldenen Schnitt wäre bei 50 cm Baumhöhe eine Schale von 31 cm Durchmesser ideal. Dann allerdings sicherlich ein deutlich flacheres Exemplar.

Wie man sieht, braucht diese Schneebeere  eine neue Frisur. Wir schauen mal, wie wir unsere neu erworbenen Kenntnisse zur "idealen Schönheit" beim Beschnitt anwenden.

Am Anfang steht ein grobes Konzept

Erst einmal holt uns die normative Kraft des Faktischen auf den Boden  der Tatsachen und zeigt, dass vielleicht der Gestalter denkt, aber doch der Baum lenkt. Es ist nämlich noch nicht gelungen, die Äste so zu drahten, wie es gewünscht war. Sie stehen fast durchweg schief - eine Aufgabe für das kommende Jahr.

Das soll uns erst einmal nicht stören. Eine Zeichnung  hilft dabei, die zukünftige Größe und Anordnung der Astetagen fest zu legen. Die rot ausgekreuzten Äste werden nicht entfernt, sondern sie liegen nicht in der betrachteten Ebene. Es sind "Äste für hinten", die dem Baum die Tiefe geben. Auch diese Äste sollen mal später im Verhältnis des goldenen Schnitts stehen.

Perfekt wäre es, wenn der erste, unterste Ast im Verhältnis zu Höhe des Baumes (100%) eine Länge von 62% aufweist. Tatsächlich erreicht er aktuell knapp 50%. Hier hilft nur düngen, warten und ein guter Standort.

Was wir prüfen können: Ergibt sich ein harmonisches Bild, wenn die Längen der nächst höheren Äste jeweils in einem Verhältnis von 1: 0,6 stehen?

Bitte, urteilt selbst. Der Entwurf zeigt diese Größenverhältnisse - in etwa - auf. Mir persönlich sagt es zu. Damit habe ich meinen Plan für die nächsten Jahre und weis, was ich möchte.

Ein Detail noch: Die Baumspitze habe ich "nach Gefühl" gestaltet, weil mich das rechnerische Ergebnis gar nicht überzeugt hat. Die "Gestaltung mit dem Bandmaß" scheint mir hier nicht der richtige Weg. Der goldene Schnitt ist ein schönes Werkzeug, aber keine Religion für mich.

Das letzte Bild zeigt die Schneebeere - nach fertiger Gestaltung - von ihrer Vorderseite. Der erste Ast findet sich jetzt auf der rechten Seite. Was man am Stammansatz erkennt, ist ein noch nicht abgedeckter Bereich mit Spagnum-Moos. Es wurden dort störende Wurzeln entfernt und ein Bereich mit Spagnum vorbereitet, der den Wurzelansatz verbessern soll, ohne dass die Höhe des Baumes verändert wird.



Über Eure Ideen, Erfahrungen und Kommentare (gerne hier im Blog) zum Thema "Goldener Schnitt" freue ich mich.

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